Soziale Unternehmen Vorarlberg

Soziale Unter­nehmen Vor­arl­berg: „Es braucht neue Ange­bote für Lang­zeit­ar­beits­lose“

Think­tank ent­wi­ckelt neue Modelle für den zweiten Arbeits­markt

Altach, 2. Mai 2018 – Trotz guter Kon­junktur und sin­kender Arbeits­lo­sig­keit ent­spannt sich die Situa­tion für lang­zeit­ar­beits­lose Men­schen nicht. Den­noch hat die Bun­des­re­gie­rung das Budget der Sozialen Unter­nehmen gekürzt. Gemeinsam mit den Sozialen Unter­nehmen Vor­arl­berg rief das AMS Vor­arl­berg nun einen Think­tank ins Leben, um die künf­tige Gestal­tung des zweiten Arbeits­markts in Vor­arl­berg mit Ver­tre­tern von Wirt­schaft, Politik und Sozi­al­part­nern zu dis­ku­tieren. „Wir brau­chen län­ger­fris­tige und dif­fe­ren­zierte Ange­bote für Lang­zeit­ar­beits­lose“, ist die Spre­cherin der Sozialen Unter­nehmen Vor­arl­berg, Bene­dicte Häm­merle, über­zeugt.

Die Kür­zung des AMS‐Budgets durch die Bun­des­re­gie­rung trifft die Sozialen Unter­nehmen Vor­arl­berg hart. „Die Betriebe haben mit einem Schlag, noch dazu mitten im lau­fenden Geschäfts­jahr, fünf Pro­zent weniger För­de­rungen zur Ver­fü­gung. Das bedeutet, dass sie im zweiten Halb­jahr zehn Pro­zent der Kosten ein­sparen müssen“, schil­derte Bene­dicte Häm­merle, Spre­cherin der Sozialen Unter­nehmen Vor­arl­berg, bei der Pres­se­kon­fe­renz zum „Tag der Arbeits­losen“.

Das werde deut­liche Aus­wir­kungen haben: „Die Sozialen Unter­nehmen müssen die Ange­bote redu­zieren, obwohl die Zahl der Lang­zeit­ar­beits­losen in etwa gleich bleibt“, kri­ti­sierte Häm­merle. „Es wird wieder einmal bei den Schwächsten gespart.“

Im Dach­ver­band Soziale Unter­nehmen Vor­arl­berg sind die AQUA Mühle Vor­arl­berg, carla der Caritas Vor­arl­berg, die Dorn­birner Jugend­werk­stätten, Integra Vor­arl­berg und die Kaplan Bonetti Arbeits­pro­jekte orga­ni­siert. Sie bieten jähr­lich über 600 lang­zeit­ar­beits­losen Män­nern und Frauen eine vor­über­ge­hende Beschäf­ti­gung und Trai­nings, um sie auf den Wie­der­ein­stieg in den ersten Arbeits­markt vor­zu­be­reiten.

Län­ger­fris­tige Betreuung
Die Sozialen Unter­nehmen for­dern seit langem Ände­rungen bei der Betreuung lang­zeit­ar­beits­loser Men­schen: Sie sollen bei Bedarf länger in den Arbeits­pro­jekten beschäf­tigt werden – manche von ihnen auch dau­er­haft. Das betrifft vor allem Gering­qua­li­fi­zierte, Ältere und Per­sonen mit Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gung, die den Ein­stieg in den ersten Arbeits­markt kaum schaffen.

 Der­zeit können Betrof­fene durch­schnitt­lich 4,5 Monate betreut werden. „Das ist in vielen Fällen zu kurz. Die Sozialen Unter­nehmen unter­stützen die soge­nannten Tran­sit­ar­bei­ter­neh­me­rInnen wäh­rend­dessen beim Wie­der­ein­stieg in den ersten Arbeits­markt. Doch nicht allen gelingt dieser Weg zurück. Nach Monaten der wie­der­holten Arbeits­lo­sig­keit und Frus­tra­tion kommen einige von ihnen erneut  zu den Sozialen Unter­nehmen“, beschrieb Bene­dicte Häm­merle die Situa­tion. Sie for­dert „Auto­nomie für Soziale Unter­nehmen. Darauf bauen erfolg­reiche Initia­tiven auf.“ Sie sollen stärker selbst ent­scheiden können, um Men­schen je nach Bedarf gezielt zu helfen.

Zweiten Arbeits­markt neu gestalten
Hand­lungs­be­darf sieht auch das Arbeits­markt­ser­vice Vor­arl­berg. Des­halb initi­ierte das AMS gemeinsam mit den Sozialen Unter­nehmen einen Think­tank, der am 12. April seine Arbeit auf­nahm. Meh­rere Arbeits­gruppen wollen nun neue Modelle ent­wi­ckeln. „Nur wenn Wirt­schaft, Politik, Sozi­al­partner, AMS und die Sozialen Unter­nehmen eng zusam­men­ar­beiten, können wir die Pro­bleme von Lang­zeit­ar­beits­losen effektiv lösen“, skiz­zierte Bern­hard Bereuter, Geschäfts­führer des AMS Vor­arl­berg.

Laut Wirt­schafts­for­schungs­in­stitut setzt sich das Wirt­schafts­wachstum auch 2018 fort. „In Vor­arl­berg rechnen wir wieder mit einem Rück­gang der Arbeits­lo­sig­keit. Per­sonen, denen es trotz inten­siver Bemü­hungen nicht gelingt eine Arbeit zu finden, brau­chen die Unter­stüt­zung der Sozialen Unter­nehmen. Es ist des­halb drin­gend not­wendig, den zweiten Arbeits­markt einer­seits als Brücke in den ersten Arbeits­markt zu gestalten. Ande­rer­seits soll er Per­sonen helfen, die zu den Bedin­gungen, die der regu­läre Arbeits­markt for­dert, nicht mehr arbeiten können“, betonte der AMS‐Geschäftsführer. „Soziale Unter­nehmen schaffen Per­spek­tiven. Sie ermög­li­chen finan­zi­elle, gesund­heit­liche und per­sön­liche Sta­bi­li­sie­rung, Würde und gesell­schaft­liche Teil­habe.“

Stär­kere Ver­net­zung
Auch Harald Moos­brugger, Leiter der Wirt­schafts­ab­tei­lung des Landes, sieht die Not­wen­dig­keit eines Schul­ter­schlusses aller Partner. „Der zweite Arbeits­markt hat einen hohen Stel­len­wert für uns. Er qua­li­fi­ziert und moti­viert Men­schen für den ersten Arbeits­markt. Das muss auch das pri­märe Ziel bleiben“, betonte Moos­brugger. Das Land hat seine Bud­ge­t­an­sätze nicht redu­ziert, son­dern hatte diese für 2018 noch­mals erhöht. „Die Ein­spa­rungen des Bundes aus­zu­glei­chen oder abzu­fe­dern, ist jedoch leider nicht mög­lich.“

Der Wunsch der Sozialen Unter­nehmen nach zusätz­li­chen Mög­lich­keiten der Betreuung ist für Moos­brugger ver­ständ­lich: „Jene, die es – aus wel­chen Gründen auch immer – nicht schaffen, brau­chen län­ger­fris­tige Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse und Unter­stüt­zung. Das können die Sozialen Unter­nehmen bieten. Zudem ergänzen sie durch Leis­tungen in wirt­schaft­li­chen Nischen den hei­mi­schen Markt, ohne mit diesem in Wett­be­werb zu treten“, ergänzte er sein Anliegen.

Viel­fäl­tige Leis­tungen
Die Sozialen Unter­nehmen über­nehmen zahl­reiche Leis­tungen: Cate­ring für Schul­mit­tags­be­treuung, Micro­ver­fil­mung, soziale Land­wirt­schaft, Grünraum‐ und Wald­pflege, Säu­be­rung von Bus­hal­te­stellen, Instand­hal­tung von Spiel­plätzen, Indus­trie­pro­duk­ti­ons­ser­vice, Fahr­rad­ser­vice, Upcy­cling, sie betreiben Second‐Hand‐ und Bio­läden u.v.m. „Sie bieten Leis­tungen, für die es sonst keine Anbieter gibt. Für Unzäh­lige Wirt­schafts­un­ter­nehmen, Gemeinden und Pri­vat­per­sonen sind diese unver­zichtbar“, ver­deut­lichte Bene­dicte Häm­merle.

Die Kaplan Bonetti Arbeits­pro­jekte räumen etwa wöchent­lich die Bus­hal­te­stellen der Gemeinde Alber­schwende auf und führen Grün­raum­pflege in einem Dorn­birner Nah­erho­lungs­ge­biet durch. Für den Vor­arl­berger Umwelt­ver­band wickelt carla die Alt­klei­der­samm­lung und -ver­wer­tung ab. Fahr­rad­ständer oder Wurm­kisten zur Kom­post­her­stel­lung stammen aus Integra‐Werkstätten. Für die Gemeinde Mäder führen AQUA Mühle‐Mitarbeiterinnen und Mit­ar­beiter die Grün­raum­pflege und die Instand­hal­tung von Spiel­plätzen durch.

Für Rainer Sie­gele, Obmann des Vor­arl­berger Umwelt­ver­bandes und Bür­ger­meister von Mäder, ist die Zusam­men­ar­beit wichtig. „Regio­na­lität, soziale Ver­ant­wor­tung und Öko­logie sind für uns wich­tige Kri­te­rien bei der Beschaf­fung. Da gehen wir keine Kom­pro­misse ein“, bekräf­tigt Sie­gele. „Jeder Auf­trag für Soziale Unter­nehmen hält Men­schen im Erwerb, die sonst von der Min­dest­si­che­rung abhängig wären. Diese trägt auch die Gemeinde. So ist gesell­schaft­lich und auch finan­ziell jede Koope­ra­tion mit diesen Betrieben die bes­sere Vari­ante.“

Erfolgs­mo­delle aus Europa
Um wei­tere Mög­lich­keiten aus­zu­loten, gaben AMS und die Sozialen Unter­nehmen die Studie „Der zweite Arbeits­markt – Not­lö­sung oder Wirt­schafts­treiber?“ in Auf­trag, die beim Think­tank erst­mals vor­ge­stellt wurde. Die Sozio­login Dr. Eva Häfele prä­sen­tiert darin erfolg­reiche Initia­tiven aus ganz Europa und zeigt die dafür not­wen­digen Rah­men­be­din­gungen auf.

EU‐weit geht es vor allem um Maß­nahmen gegen Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, die trotz kon­junk­tu­rellen Auf­schwungs nicht abnimmt. „In Öster­reich ist die Arbeits­lo­sig­keit durch die gute Wirt­schafts­lage ins­ge­samt zurück­ge­gangen. Die Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit hat sich in den ver­gan­genen zehn Jahren aber ver­drei­facht“, hielt Bene­dicte Häm­merle fest.

Akti­vieren statt „ver­sorgen“
Die Studie zeigt an Bei­spielen auf, wie akti­vie­rende Maß­nahmen eine rein wohl­fahrts­staat­liche Ver­sor­gung Erwerbs­loser ablösen können. Unter dem Motto „Arbeit vor Trans­ferein­kommen“ unter­stützen etwa Kom­munen in den Nie­der­landen die Sozi­al­hil­fe­emp­fänger. Sie erhalten von der Gemeinde Hilfe bei der Arbeits­suche, durch Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nahmen oder Bereit­stellen von Arbeits­ge­le­gen­heiten.

Da die Arbeits­fä­hig­keit unter­schied­lich aus­ge­prägt ist, braucht es auch dif­fe­ren­zierte, stu­fen­weise Ange­bote, schil­dert Stu­di­en­au­torin Eva Häfele. Diese sind an die Fähig­keiten der Men­schen ange­passt, was zu Erfolgs­er­leb­nissen und Selbst­ver­trauen führt. Das nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Stu­fen­mo­dell reicht von einer stun­den­weisen Beschäf­ti­gung über Arbeits­trai­nings bis zum län­ger­fris­tigen Arbeits­platz in Sozialen Unter­nehmen. Manche Modelle sehen auch dau­er­hafte Beschäf­ti­gungen vor.

Der Erfolg sozialer Unter­nehmen wird der­zeit einzig an der Ver­mitt­lungs­quote gemessen, das greift jedoch zu kurz“, stellt Häm­merle fest. „Die Studie macht deut­lich, dass wei­tere Para­meter berück­sich­tigt werden müssen: die Gesund­heit der Men­schen, Teil­nahme am gesell­schaft­li­chen Leben, ihre Kon­sum­kraft, Ein­spa­rungen bei der Min­dest­si­che­rung und Not­stands­hilfe. Gesamt­wirt­schaft­lich betrachtet amor­ti­sieren sich die För­de­rungen nach fünf Jahren“, ergänzt sie.

Info: www.sozialeunternehmen-vorarlberg.at

 

Factbox

Träger

  • AQUA Mühle Vorarlberg
  • carla der Caritas Vorarlberg
  • Dornbirner Jugendwerkstätten
  • Integra Vorarlberg
  • Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte

TransitmitarbeiterInnen bei den Sozialen Unternehmen 2017: ca. 600

Durchschnittliche Beschäftigungsdauer: 4,5 Monate

Jobsuchende in Vorarlberg März 2018: 8.747 arbeitslos, plus 2.661 in Schulung: gesamt 11.408

Davon Langzeitarbeitslose März 2018: 836 arbeitslos, plus 422 in Schulung: gesamt 1.258

Förderungen 2018:

  • Arbeitsmarktservice Vorarlberg – 5,175 Millionen Euro (5% Kürzung bereits berücksichtigt)
  • Land Vorarlberg – 2,856 Millionen Euro

Leitplanken für neue Beschäftigungsmodelle:

  • Flexible Richtlinien – Gestaltungsfreiraum für Soziale Unternehmen
  • Stufenweise Angebote von stundenweiser Beschäftigung bis Nachbetreuung auf ersten Arbeitsmarkt
  • Aktivierung für Erwerbstätigkeit statt wohlfahrtsstaatliche Versorgung
  • Gezielte Unterstützung für unterschiedliche Ausprägungen der Langzeitarbeitslosigkeit
  • Längerfristige Beschäftigungsformen
  • Neue Finanzierungsformen
  • Kooperationen mit Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen, Regionen, Gemeinden

Infos unter www.sozialeunternehmen-vorarlberg.at

Studie zum zweiten Arbeitsmarkt von Dr. Eva Häfele

 

Rück­fra­ge­hin­weis für die Redak­tionen:
Soziale Unter­nehmen Vor­arl­berg, Bene­dicte Häm­merle, Telefon 0043/664/9642299, Mail koordination@sozialeunternehmen-vorarlberg.at
Pzwei. Pres­se­ar­beit, Daniela Kaulfus, Telefon 0043/699/19259195, Mail daniela.kaulfus@pzwei.at